
Vergessene Lokalitäten in und um Frankfurt herum
Wer kennt es nicht: Dieses Gefühl der Ungläubigkeit und Ohnmacht, wenn man wieder mal an einer Stelle vorbeikommt, die früher ganz anders ausgesehen hat. Damals, als wir genau hier regelmäßig eines unserer Lieblingslokale in vertrauter Umgebung besuchten, noch die Zeit hatten, jede Woche ins Kino zugehen und diese Gewohnheiten dann irgendwann einschliefen, weil sich Freunde und Zechkumpane im Laufe der Zeit unter fadenscheinigen Ausreden in alle Welt verstreuten oder man selbst den Schwerpunkt seines Daseins auf Familie und Erwerbstätigkeit verlagerte. Und jetzt stehen wir auf einmal vor verrammelten Eingängen, einem Rohbau oder schlimmer noch vor einem gähnenden Loch.
|
Die Zahl derer, welche seit den Achtziger Jahren die gleichen schmerzhaften Erfahrungen machen mussten wie der Schreiber dieser Zeilen, ist vermutlich unermesslich groß. Die psychische Pein der Selbstvorwürfe schreit geradezu nach Aufarbeitung in Form einer erstmaligen umfassenden Auflistung all der schönen und schrecklichen Lokalitäten mit all ihren Besonderheiten, die da waren und Anekdoten, die sich zugetragen haben, Hibbdebach und Dribbdebach. |
Village Club |
12: Village Club (Hanau-Innenstadt, Grimm-Center, Kurt-Blaum-Platz 8)
Little Chicago im Einkaufszentrum
Ein richtig edler Club mit feinster Black Music, besucht von überwiegend schwarzen GIs der örtlichen US-Streitkräfte – das war das ‚Village’ im Betonungetüm Grimm-Center mitten in der Hanauer Innenstadt. Eine Etage tiefer tobte die Rollschuhdisco ‚Palladium’, ebenfalls ein Relikt der 70er und 80er Jahre und von den Roller Skates begeisterten Amis am Leben gehalten. Zu Hochzeiten war dies aufgrund der gleichen Zielgruppe eine ernsthafte Konkurrenz zum ‚Funkadelic’ in Frankfurt, unterschied sich aber klar durch Innendesign und Kleiderordnung. Während in der Brönnerstraße jeder kommen konnte wie er wollte und es im Gewölbekeller eng und stickig war, war im Grimm-Center Anzug, Krawatte und Abendkleid angesagt, standen Plüsch-Sofas und hingen edle Spiegel und Lüster an der Wand. Das ganze hatte etwas vom Gangster-Look der 30er Jahre, jedoch ging es hier im Gegensatz dazu ausnahmslos friedlich zu.
Als Ende der 80er die House Music aus Chicago hier rüberschwappte, sorgte dies für hysterische Szenen auf der kleinen Tanzfläche dieses sonst so gediegenen Ambientes. Regelmäßig mußte der DJ ein donnerndes „Don’t jump!“ ins Mikro plärren, da die Jungs vor Ekstase nicht mehr wußten, wohin mit ihrer Energie und die gemäßigten Clubgänger sich an den Rand des Dancefloors duckten.
Mittlerweile (2004) wurde das aus den frühen 80er Jahren stammende, zeitweise leer stehende Einkaufszentrum revitalisiert, d.h. komplett umgebaut, mit neuer schicker Fassade aus Glas und dunklem Stein versehen und in City Center umbenannt.
Im Hanauer Hafen versuchte sich 2006 noch einmal ein ‚Danceclub Village’ im angeschlossenen ‚Skatetown’, Deutschlands größter Rollschuhdiskothek, musste jedoch bereits zwei Jahre später in Folge des gewaltigen Andrangs wieder schließen ... Aufgrund der Namensähnlichkeit und des nahezu identischen Konzepts wie im Grimm-Center gehe ich mal davon aus, dass es die selben Betreiber waren.
11: Chi-Chi’s (Hanau-Lamboy, Chemnitzer Straße 22)
Als Tex-Mex zu uns kam
Es gab einmal eine Zeit, da galt Hanau als Garnisonsstadt. Neben dem Stadtteil Wolfgang war es vor allem Lamboy, in dem sich entlang einer Ausfallstraße alte Klinkerkasernengebäude aus der Kaiserzeit erhalten hatten. Ganze Viertel waren für Einheimische weitgehend unzugänglich, da von der US-Armee zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Eine rühmliche Ausnahme bildete da das Restaurant der Tex-Mex-Kette ‚Chi-Chi’s’. Hier waren auch wir Deutschen willkommen, allerdings nur, wenn wir Dollars dabei hatten und bitteschön brav in Englisch bestellten.
Aber genau dieser Umstand machte das Lokal so interessant: Das durch und durch amerikanische Ambiente mitsamt dem üblichen Ritus, kaum dass man zur Tür reinkam („How many persons? Smoker or non-smoker? Please wait to be seated ...“). Derweil hatte man Gelegenheit, sich an der Bar mit den köstlichen Margaritas zu vergnügen. Für Unkundige: Auch wenn das nach netten Damen des Hauses klingt, die sich um die wartenden Gäste kümmern, waren das nur famose Erdbeercocktails.
Irgendwann wurde man von den stets überfreundlichen und damals fast ausschließlich amerikanischen Bedienungen in Empfang genommen. Diese stellten sich erstmal persönlich vor, bevor sie einem zum Tisch geleiteten und hatten schon vor über zwanzig Jahren klobige Geräte umhängen, in die man umständlich Bestellungen eintippen konnte. Ich glaube, alle Restbestände von damals wurden mittlerweile an die Hilfspolizei zum Knöllchen schreiben weiter verramscht ...
Lange vor dem Siegeszug der mexikanischen Küche, oder was man hier zu Lande dafür hält, genossen wir hier Nachos und Fajitas, Enchiladas und Sour Creme, Tacos und Guacamole. Und nicht zu vergessen den Gipfel der Peinlichkeit am Nachbartisch, wenn mal wieder einer Geburtstag hatte, von seinen Freunden hierher verschleppt wurde, nicht wusste, was im ‚Chi-Chi’s’ an einem solchen Tag der Brauch war und im Boden versank, nachdem er einen riesigen Sombrero aufgesetzt bekam und das gesamte Personal aus Küche und Service als Mexikaner verkleidet um in herum versammelt ein Ständchen sang ... Eine weitere amerikanische Besonderheit, die wir Europäer eher als Unsitte empfanden, war die Regelung, dem Gast umgehend die Rechnung unter die Nase zu halten, sobald dieser keinen Nachschub mehr orderte. Dass damit eine baldige Zahlung und das Verlassen des Lokals erwartet wurde, damit nachfolgende Gruppen platziert werden konnten, versteht sich von selbst. Also tat man gut daran, immer einen unübersehbaren Rest im Glas stehen zu lassen.
Die Nachos gab es hier übrigens schon damals zum Mitnehmen in großen Blecheimern für zu Hause vor dem Fernseher – lange bevor irgendein deutscher Supermarkt das Maiszeugs in Tüten im Regal hatte.
Auch in Hanau leitete der großräumige Abzug der US Army aus dem Rhein-Main-Gebiet den Niedergang ein. Bereits 2003 musste der Mutterkonzern die Segel streichen, als verseuchte Schalotten in einem Restaurant in Pennsylvania zum Ausbruch der größten Hepatitis A-Epidemie in der amerikanischen Geschichte führten. Nachdem das umliegende Kasernengelände geräumt war, behielten die Betreiber noch einige Jahre den amerikanischen Charakter und den Namen bei. Das mangels Angebot inzwischen zu deutschen Muttersprachlern gewordene Personal musste weiterhin umständlich Englisch palavern, verstand aber nur die Hälfte und das ganze Drumherum blieb unverändert – bezahlt wurde aber nun in harten Euros. Aus ‚Chi-Chi’s’ wurde ‚Pancho Villa’s’, doch schon bald ließ dort der Service deutlich nach, was dann Ende 2008 unweigerlich zur Schließung führte.
10: Royal (Innenstadt, Schäfergasse 10)
Das letzte seiner Art
Schon der Name klang majestätisch. Und in der Tat war das Royal der letzte der großen Frankfurter Kinopaläste aus den 50er Jahren, den man noch nicht zu einem entwürdigenden Schachtelcenter verbaut hatte. Gegründet 1957 unter dem Hollywood-Markennamen MGM (Metro Goldwyn Meyer), bis zuletzt eingraviert in den Scheiben der Eingangstüren, blickte das Royal auf eine unendliche Reihe großartiger Premierenereignisse der Filmgeschichte zurück. Schon mein Vater berichtete mir mit leuchtenden Augen von den deutschen Uraufführungen solcher Klassiker wie ‚Ben Hur’ oder ‚2001 – Odyssee im Weltraum’, als die Fans bis auf die Zeil in Schlangen nach Karten anstanden, um das legendäre Wagenrennen zu sehen oder sich drei Stunden lang mit Johann Strauß berieseln zu lassen. Auf Wochen hinaus waren damals die Vorstellungen ausverkauft. Ähnliche Erlebnisse hatte ich während meiner Jugendzeit beim Start des ersten Teils der ‚Star Wars’-Trilogie und später noch einmal anlässlich des Megahypes um ‚Jurassic Park’.
Unvergesslich geblieben sind die qualvolle Enge im überfüllten Foyer, welche manche Glastür zu Bruch gehen ließ und die Jubelorgien, als die ersten Zuschauer eingelassen wurden, um auf den gigantischen Balkon oder in die weitausladenden Reihen des vollständig in purpurrot gehaltenen Parketts zu strömen, als ginge es um Leben und Tod. Unvergesslich auch das erhabene Gefühl, wenn man sich in einen der federnden Schaukelsitze mit weit ausgestreckten Beinen fallen ließ und fasziniert beobachten konnte, wie sich die Masse in Windeseile auf die über 700 Plätze verteilte. Bis zur Eröffnung der ersten Multiplexe in den 90ern war alles im Royal um einige Nummern größer als im Durchschnittskino: Die breite Eingangsfront, das geräumige Foyer, die ellenlange Bar, der tribünenartige Balkon, welcher allein manch anderes Innenstadtkino beherbergen konnte, der in drei Parkettbereiche gegliederte Hauptsaal, die mehr als großzügig angeordneten Sitzreihen, die monumentale Leinwand und zu guter letzt die fantastische Soundanlage. Heiß begehrt waren die Plätze auf der Empore, welche jedoch für meinen Geschmack nicht die optimale Sicht boten: Man saß zu weit weg und die Krümmungen der geschwungenen Leinwand wurden extrem. Der Genießer setzte sich in den mittleren bis hinteren Parkettbereich. Irrsinnige Filmfanatiker so wie ich wählten die vorderen Reihen: Das Bild nahm dann das gesamte menschliche Sichtfeld ein, Kino total! In den fast 50 Jahren seines Bestehens wurden im Royal diverse Erneuerungen der Technik, der Sitzbezüge und des Teppichbodens durchgeführt. An der Grundausstattung hatte sich jedoch so gut wie nichts verändert.
Der größte Moment war stets der Beginn des Hauptfilms: Nach unendlich langer Filmmusik zur Einstimmung wurde das Licht langsam herunter gedimmt, der Eisverkäufer näherte sich auf dem Balkon dem Ausgang, der Vorhang öffnete sich ... weiter und weiter und weiter ... Wahnsinn, die vorher schon übergroße Leinwand ging auf einmal um die Ecke ... abgefahren! Unter infernalischen Fanfaren und mit Riesenlettern, die in den Tiefen des Alls verschwanden, wurde die dramatische Vorgeschichte der Rebellion gegen das Imperium erzählt. Danach Totenstille, ein Kameraschwenk, martialische Musik untermalte das donnernde Getöse der Triebwerke (keiner wäre damals auf die Idee gekommen nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten im All zu fragen), am unteren Bildrand schob sich ein gigantischer Sternenkreuzer scheinbar minutenlang über die Leinwand, der Saal bebte! Das war es!
Für das große Popcornkino wurden Häuser wie das Royal gebaut. Kleine, anspruchsvolle Filme hatten hier nie eine Chance. Die wenigen Zuschauer hätten sich im Saal verloren. Zuerst die Monumentalschinken der 50er, dann die Katastrophenreißer und Weltraumopern der 70er, in den 80ern die kurze Barbarenära mit dem unerreichten ‚Conan’ und vielen miserablen Nachahmern, die Abenteuer von ‚Indiana Jones’, zum Schluss die High-Tech-Knaller um ‚Mission Impossible’ und ‚Matrix’ – das Royal setzte immer auf sein Massenpublikum, denn anders war ein Theater dieser Größe nicht zu finanzieren. Kein anderes Haus in Frankfurt und Umgebung war bis zum Bau des ersten Multiplexes in Sulzbach in der Lage, Filme im 70mm-Überbreiteformat verlustfrei vorzuführen. Auch ein so durchgeknalltes Effektverfahren wie Sensurround habe ich nur dort erlebt: Die im Zuge der Star-Wars-Hysterie entstandene eher mittelmäßige Fernsehserie ‚Kampfstern Galactica’ hatte man für das Kino zusammengeschnitten und damit aufgemotzt. Das Ergebnis: Wackelnde Sitze, Herzrasen, Tinitus in den Ohren und wahrscheinlich einige Frühgeburten. Damals für das Katastrophenepos ‚Erdbeben’ (1975) entwickelt, wurde dieses Verfahren nur bei sehr wenigen Filmen (u.a. ‚Achterbahn’) eingesetzt.
Die Preise lagen im Royal schon immer um 1-2 DM über dem Durchschnitt, was ich jedoch aufgrund der gebotenen Qualität gerne bezahlt habe. Eine zentralere Lage als zwischen Haupt- und Konstablerwache auf einer Seitenstraße der Zeil gab es kaum. In unmittelbarer Nähe verkehren neben einigen Straßenbahnen und Bussen alle U- und S-Bahnlinien Frankfurts. Der zentrale Knotenpunkt für die vor Sams-, Sonn- und Feiertagen verkehrenden Nachtbusse lag an der Konstablerwache. Für wild parkende Autofahrer hagelte es meist Strafzettel.
![]() |
Nach einigen Gerüchten um eine bevorstehende Schließung wegen Unrentabilität und fehlender Umbaumöglichkeiten kam 2003 tatsächlich das Aus für den letzten Frankfurter Filmpalast. Danach nutzte das ‚Café Royal’ die Räumlichkeiten für Kulturveranstaltungen und Events, ehe 2007 aufgrund der maroden Bausubstanz der endgültige Abriß verkündet wurde. |
| Rohbau Wohn- und Geschäftskomplex (Schäfergasse 10) |
Hier finden sich noch Bilder vom alten Gebäude:
Deutsches Architekturforum,
ALLEKINOS.COM
9: Open-Air-Kino am Main (Sachsenhausen, Schaumainkai)
Die wahren Erfinder des Public Viewing
Die 80er Jahre waren auch insofern bemerkenswert, da viele Vergnügungen wenig oder gar nichts kosteten. Eines der brillantesten Events, welches sich ins kollektive Gedächtnis der Frankfurter eingebrannt haben dürfte, fand direkt auf der Wiese des Sachsenhäuser Mainufers vor dem Filmmuseum statt. Beim Kommunalen Kino hatte man die Idee, sein Programm in den warmen Sommermonaten einfach im Freien stattfinden zu lassen und baute daher aus Stahlrohren eine mächtige Leinwand vor die Untermainbrücke. Vermutlich war der Aufwand zu groß, alles einzuzäunen, um Eintritt zu verlangen. Also liefen alte Klassiker der Filmgeschichte aus den Archiven dieser städtischen Kultureinrichtung zum Nulltarif. Das hatte Folgen ...
Bei gutem Wetter lümmelten sich zweimal die Woche – Mittwochs und Samstags – bis zu 2000 Filmenthusiasten im langgezogenen Wiesenabschnitt auf mitgebrachten Picknickdecken, Isomatten und Liegestühlen. Da man gut beraten war, schon frühzeitig seinen Platz zu ergattern, entwickelten sich die Stunden vor Einbruch der Dunkelheit und vor Beginn des Films zu regelrechten Happenings mit Bier, Wein, Sekt und Champagner zu teils üppigstem kaltem Büffet. Wenn es dann endlich los ging, war das Publikum schon dermaßen angeheitert, dass im Grunde genommen jeder Schinken mit Begeisterung und Szenenapplaus bedacht wurde. Es liefen solche Streifen wie ‚Metropolis’, ‚Manche mögen’s heiß’, ‚The Girl can’t help it’, ‚Der rote Korsar’ oder ‚Casablanca’.
Mit der Zeit erkannte man auch bei der Konkurrenz das Potential von Freiluftveranstaltungen dieser Art und es kamen erste kostenpflichtige Aufführungen auf dem Uni-Gelände dazu. Zum Glück hat sich bis heute die Tradition des Open-Air-Kinos im Brentanobad erhalten. Inzwischen laufen auch aktuelle Filme, man sitzt zum Teil auf Tribünen und Speisen- und Getränkeverkauf runden das kommerzielle Angebot ab.
|
Die Ufer des Mains haben in den letzten Jahren eine enorme urbane Entwicklung erfahren: Die Renaturierung der Weseler Werft schuf viel Raum für ein sommerliches Theaterfestival. Am Sachsenhäuser Ufer hat zwischen Untermainbrücke und Holbeinsteg seit mehreren Jahren das ‚Maincafé’ in den ehemaligen öffentlichen Toiletten des Hochkais sein Domizil und verwandelt mit seinen Liegestühlen und Decken, dem Ausschank im Freien diesen Flecken in einen der schönsten Plätze zum Verweilen am Fluß. Auch gegenüber auf der Nordseite wurde nach dem Abriß des alten Nizzas mit einer architektonisch eindrucksvollen Bebauung ein Biergarten eröffnet. So billig und spontan wie damals am Mainufer wird es aber wahrscheinlich nie wieder werden. |
![]() |
| Das Mainufer vor dem Filmmuseum – inzwischen mehrfach umgestaltet |
8: Sachs-Keller (Sachsenhausen, Darmstädter Landstraße)
Disneyland im Keller
Das Konzept war grandios, die Umsetzung so halbwegs gelungen, das Angebot der pure Nepp. Die alten Bierkeller unter dem Sachsenhäuser Berg gab es schon seit Menschengedenken, doch keiner hatte mehr eine Verwendung dafür. So kam ein findiger Geschäftsmann auf die Idee, dort ein ganzes Dorf mit Kneipen unter Tage zu errichten. Biertrinker saßen auf einem künstlichen Marktplatz unter künstlichen Bäumen bei künstlicher Gemütlichkeit und in einem separaten Gewölbe wummerte eine Diskothek. Zunächst musste man aber erst mal 3 Mark löhnen, um überhaupt nach unten dürfen. Die waren dann auch weg, denn in Naturalien verrechnet wurde nichts. Unten ging die Abzocke dann weiter: Überteuertes Bier in halb eingeschenkten Gläsern und pampige, überforderte Bedienungen, die nicht wahr haben wollten, was jeder sehen konnte: „Des Glas is awwer nett voll!“ „Was dann? Des setzt sisch doch noch!“
![]() |
Kein Wunder, dass mancher einer irgendwann zur Selbstjustiz griff und zumindest nach einem kostenlosen Zugang in die Vergnügungswelt suchte. Der war schnell gefunden, denn eine stählerne Notausgangstür an der Seite ließ sich problemlos für den Freundeskreis von innen öffnen, was dann auch schon die einzige Aufgabe der legal eingetretenen, sprich zahlenden Person war. Wie gesagt: Keine schlechte Idee, denn man konnte witterungsunabhängig den für Sachsenhausen üblichen Kneipenbummel vollführen und etwas Vergleichbares gab es zu dieser Zeit in ganz Frankfurt nicht. Heute ist an dieser Stelle definitiv nichts mehr vom Eingang in die Unterwelt des Sachsenhäuser Bergs zu sehen. Das gesamte Gelände wurde mit einem durchgestylten Bürokomplex überbaut. |
| Darmstädter Landstraße (Höhe ehemalige Henninger Brauerei) |
7: Tomate (Innenstadt, Fressgass’ 8)
Und ewig lockt das Showbiz
Ich muss gestehen: Ich war da nie drin und trotzdem bin ich der unumstößlichen Überzeugung, dass dieses Etablissement trotz billigem Scheinfachwerk für das Selbstverständnis der Fressgass’ (hiesiger Abschnitt für Auswärtige: ‚Kalbächer Gasse’) als Boulevard der Eitelkeiten einfach unverzichtbar war. Generationen von Haargel triefenden, solargebräunten Schnöseln zeigten hier ihren Stöckelschuh bewehrten Frisurmodellen (man erinnere sich an die aufwendige Verfugung des Kopsteinpflasters im Schaufensterbereich der Fressgass!) im Schlepptau die Stadt. Nirgendwo wurde das Ritual der Zurschaustellung vermeintlicher Attraktivität dermaßen schonungslos gepflegt wie in der ‚Tomate’. Daher gab es auch nie einen Platz und ich kam nicht in die Versuchung, mich dahin zu setzen. Irgendwann hieß das Ding, offiziell ein italienisches Restaurant, über dessen Qualität ich hier gar nichts Negatives sagen möchte, dann auf einmal nur noch ‚Tomato World’ und klang nicht nur bescheuert sondern war auch nur von kurzer Dauer.
|
Vor ein paar Monaten klaffte an dieser Stelle auf einmal ein riesiges Loch, monströse Scheren hatten den alten Bau mit sämtlichen Hintergebäuden, auch der ‚Apfelwein-Klaus’ mußte weichen, in einen gewaltigen Schutthaufen zerlegt. Die Baulücke füllt sich nun langsam mit einem Betonskelett, dem Neubau der Frankfurter Volksbank und ich will gar nicht wissen, wie der Spesentempel dann heißen wird, der dort einzieht: Vielleicht ‚First In’? Ach nee, gibt’s schon am anderen Ende der Straße. |
![]() |
| Nur noch ein Haufen Pflastersteine |
6: Blaubart (Innenstadt, Kaiserhofstraße 18)
... denn wir waren jung und hatten kein Geld
![]() |
Der tiefste und zugleich stickigste Weinkeller der Innenstadt erfreute sich in den 80er Jahren bei Heranwachsenden sehr großer Beliebtheit. Das lag an den fehlenden Alternativen, auf unkomplizierte Art und ohne jegliche Vorkenntnisse vergorenen Traubenmost in sich hinein zu schütten und darüber hinaus am revolutionären Selbstbedienungskonzept, welches gleich auf mehreren Wegen den Geldbeutel schonte: Zum einen entfiel ein Teil des kostspieligen Service-Personals, zum anderen auch die lästigen Nachfragen desselbigen, ob man denn bereit ist, über weitere Bestellungen nachzudenken. In einem klassischen deutschen Weinkeller hätten Erkundigungen des Kellners zur Beschaffenheit der Bestellung für hochnotpeinliches Schweigen gesorgt: „Wir nehmen Wein!“ „Rot oder weiß?“ „Äh ... beides ... aber ’ne große Flasche!“ „Trocken? Fruchtig? Lieblich?“ „Nee, schon gegen den Durst ...“ „Ich bring Euch Cola-Fanta-Bier!“ „Och nö!“ |
| Heutige Ansicht mit ‚Apfelwein Klaus’ und ‚BB-Bar’ dahinter |
Das Lokal bestand aus einem weitläufigen großen Sandsteingewölbe und mehreren separaten Seitenräumen, welche über lange Gänge verbunden waren und sich aufgrund ihrer Abgelegenheit und den an Ketten aufgehängten Tischen zu allerlei jugendlichem Schabernack eigneten. Dagegen saß man im Hauptraum an langen rustikalen Massivholzbänken und -tischen eng und kommunikativ beieinander, was einen ohrenbetäubenden Lärmpegel zur Folge hatte. Die schweren gusseisernen Leuchter an der Decke und die zahllosen vollgetropften Flaschenkerzen auf den Tischen vervollständigten den Eindruck eines zünftigen Burggelages und hatten keine große Wirkung, denn es war stets butzedunkel.
Wer nicht auf Wein stand, hatte als Alternative zwei Sorten süffiges Altenmünster in der Bügelflasche zur Verfügung. Die Verpflegung mußte man ebenso an der Theke ordern: Es gab Steaks, Ofenkartoffeln und Salate in ordentlicher Qualität. Wenigstens die warmen Gerichte wurden dann aber an den Tisch gebracht.
|
Darüber hinaus durfte man das köstliche Schmalzbrot an der Theke nicht nur selber absäbeln und zubereiten, sondern brauchte dafür noch nicht mal bezahlen. Dieser Umstand öffnete der Phantasie ungeahnte Möglichkeiten: Im Blaubart gab es nur unbekömmlichen und überteuerten Magyarenfusel und es lag daher nahe, bessere und vor allem preisgünstige Qualitäten aus dem Einzelhandel gleich selber mitzubringen und sich mit dem frisch zubereiteten Schmalzbrot in eines der hinteren Gewölbe zu verziehen. In lauen Sommernächten bot sich hingegen der idyllische Brunnen auf der Fressgass’ als Veranstaltungsort des Blaubart-Rituals an, wenn sich gelegentlich Freiwillige fanden, die mit einer Sammelbestellung in Richtung Keller geschickt wurden und nach überstandener Undercover-Aktion triumphierend mit Schmalzbrot beladen wieder zurückkamen. Danach folgte der ‚Kaiserhofkeller’, eine Zeit des Leerstands und der letzte neue Mieter im legendären Gewölbe ist seit November 2008 der ‚Apfelwein-Klaus’, dessen bisheriges Domizil in der Meisengasse dem Neubau der Frankfurter Volksbank zum Opfer fiel. |
![]() |
| Steile Treppe zum Gewölbe des heutigen ‚Apfelwein-Klaus’ |
5: Funkadelic (Innenstadt, Brönnerstraße 11)
Probably the best Funk in town!
Und da sind sie schon, die Proteste: „Ei, des Funkadelic gibt’s doch wieder?“ Nee, gibt’s nett mehr, hat schon wieder dicht gemacht. Das zwischenzeitliche Intermezzo in der Bleichstraße 46 dauerte nur drei Jahre und endete am 1. März 2008. Die Location war nicht weit entfernt vom klassischen Ort im Gewölbekeller in der Brönnerstraße. Dieser hatte schon etwas ganz Spezielles: Saumäßig eng zu Stoßzeiten, so dass man vorne im Dancefloor-Bereich schon ausgebremst wurde und zur Bar nur noch mit viel List, Tücke und erheblichem Zeitaufwand vordringen konnte. Dazwischen lagen statisch bedingt mehrere tragende Säulen und Bögen, welche jeweils ein Nadelöhr bildeten, durch das von beiden Seiten Leute mit und ohne Getränke durch mussten. Währenddessen waberten oben, von der mächtigen Entlüftung befördert, dichte, feuchtwarme Nebelschwaden aus Tabak, Schweiß, Alkohol und Parfüm aus dem schmalen Eingang, während dumpf die Bässe aus dem Keller hämmerten.
![]() |
Der Club entstand 1983 mitten in der Sturmphase der Hip-Hop- und Breakdance-Welle in Deutschland und blieb lange Zeit das Aushängeschild für Black Music aller Art. Unter dem schrägen Motto „I got ants in my pants and I need to dance!“ hatte Gründer DJ Kerim 15 Jahre lang die Luft zum Vibrieren gebracht. Hier gab es die ersten DJ Battles und Nachwuchs-Rap-Contests. Roey Marquis II. und Lady D., bis heute berühmteste weibliche DJ im Frankfurter Nachtleben, legten auf. Zahlreiche Größen aus der Szene verkehrten hier regelmäßig: Der berühmte Frank Fahrian, einst Produzent von Boney M. und später Milli Vanilli, deren ‚Playbackkünstler’ hier ebenso gesichtet wurden. Einmal erzählte mir die Bedienung an der Theke begeistert von dem legendären Abend, als einer der Größten überhaupt nach seinem Konzert mitsamt Security und Gefolge unangekündigt hier einfiel: The Symbol, TAFKAP oder einfach nur Prince, wie er auch heute wieder heißen darf. |
| Alte Location in der Brönnerstraße, heute ‚The Cave’ |
Charakteristisch am Funkadelic war stets der multikulturelle Charakter des Clubs: Neben einem starken Stamm von schwarzen GIs und deren meist deutschen Freundinnen kamen sämtliche eingewanderten und eingeborenen Rastalocken-Träger der Stadt, Schwarzafrikaner, Eritreer und natürlich alle die sonst noch auf Black Music in all ihren Facetten standen. Um alle Interessen unter einen Hut zu bekommen, gab es spezielle Themenabende für Soul Classics, R&B, Dance Hall Reggae und House. Bemerkenswert war darüber hinaus die Umgänglichkeit der Gäste: Während in und vor anderen Clubs die Fetzen flogen, blieb es hier stets friedlich und an der Tür wurde niemand abgewiesen, wenn er sich benehmen konnte und der Keller nicht gerade überfüllt war.
|
Ende der 90er Jahre fiel mit dem Abzug der US-Streitkräfte aus Frankfurt ein Großteil der Besucher weg und der Betreiber sah sich gezwungen, der Kundschaft hinterher zu ziehen und 1997 einen Neuanfang in der Wetterau in Karben zu wagen. Die dortige Location war oberirdisch in einem Industriegebiet gelegen, hatte mit dem ursprünglichen Kellerkonzept nichts mehr gemeinsam und war wohl auch nicht von großem Erfolg gekrönt, da schon 1999 die Pforten wieder geschlossen wurden. Erst 2005 versuchten es die Macher erneut in der Nähe der alten Wirkungsstätte. Wie die Geschichte aus ging, konnte man schon weiter oben lesen. In den alten Gewölben der Brönnerstraße logiert heute ‚The Cave’, ein Laden für eher düster gekleidete Mitmenschen mit dem Hang zu alternativer Musik. |
![]() |
| Letztes Quartier in der Bleichstraße, heute ‚friends’, Restaurant und Gay-Club |
4: Hard Rock Cafe (Innenstadt, Taubenstraße 11)
„Born in the USA!“
Eine der schillerndsten Institutionen der strahlenden 80er: Das Hard Rock Cafe im Parkhaus Börse und – man glaubt es kaum – nach London das zweitälteste der Welt! Allerdings gehörte es nie zur offiziellen Kette der Hard Rock Cafes, führte den Namen als sogenanntes ‚Renegade’-Lokal noch aus der Gründung im Jahre 1978 und unterschied sich daher in Bezug auf Konzept und Einrichtung.
Es war der Laden, in dem stets bis zur Schmerzgrenze aufgedrehter Mainstream-Rock sich scheppernd im Raum brach und somit jegliche vernünftige Unterhaltung unmöglich machte: „’n Tonic Water und ’n Ginger Ale!“ „Hä?“ „’n Tonic Water und ’n Ginger Ale ...“ „Nochmal ...“ „Dann halt zwei Bier!“ „Mit oder ohne Eiswürfel?“. Im Hintergrund liefen ohne Sinn und Verstand stumm geschaltete Musikvideos, aber das war damals schwer angesagt in den Kneipen mit jugendlichem Publikum. Und das Angebot war so, wie es ein deutscher Durchschnittsteenie zu dieser Zeit für besonders amerikanisch hielt: 50er-Jahre-Straßenkreuzer an der Wand, erbarmungslos unbequeme Aluminiumstühle und -tische und das volle Spektrum der Burger-, Pizza-, Pasta- und Steakvariationen inklusive Pommes auf der Speisekarte. Letztere hatte teilweise richtig ordentliche Qualität und wer wollte, konnte sich aus der angeschlossenen Waikiki Bar die Cocktails bringen lassen.
Das Publikum an den Wochenenden war überdurchschnittlich jung und es hatte manchmal eher Schulklassencharakter, wenn 15 Halbwüchsige vor Batterien von Cola-Gläsern saßen und nicht im Traum daran dachten, auch nur einen Auftrag an die Küche zu schicken.
Irgendwann in den 90er Jahren wurde hier noch mal investiert und umgebaut: Rot gepolsterte Aluminiumbänke und -barhocker ließen echtes amerikanisches Diner-Feeling aufkommen und die neu gestylte Außenterrasse erweckte große Hoffnung, dass hier ein gastronomisches Urgestein den Sprung ins nächste Jahrtausend schaffen würde.
|
Um so schockierender war dann allerdings der Umstand, als ich im Spätsommer 2007 ohne jegliche Vorwarnung an dieser Stelle ‚Waxy’s’, den zweihundertachtundneunzigsten Irish Pub in dieser Stadt erblicken musste. Das schöne Hard Rock – Jahre lang hatte ich es grob vernachlässigt und war mir der drohenden Gefahr nicht bewusst – und ebenso die Waikiki Bar – ein Abbild unserer Jugend, beides für immer weg. |
![]() |
| Guinness statt Cocktail |
3: Music-Hall (Bockenheim, Voltastraße 74-80)
The Sound of Frankfurt
![]() |
Westlich der Emser Straße, hinter dem S-Bahndamm erstreckte sich einst das Industriegebiet Bockenheim. Hier, in einer der leerstehenden Fabrikhallen zwischen Backsteingebäuden auf der Voltastraße, wenige hundert Meter vor dem Opel-Rondell wurde 1985 die damals modernste Großraumdiskothek im Rhein-Main-Gebiet eröffnet. „Nightlife jenseits der Schallmauer“ war das Motto und wurde kompromisslos in die Tat umgesetzt. Eine große Tanzfläche in der Mitte, umgeben von ansteigenden Rängen wie in einem Amphitheater, eine für die damalige Zeit ultramoderne DJ-Kanzel mit der neuesten technologischen Errungenschaft: Professionelle CD-Player! Daneben die traditionellen Turntables, eine unfassbare Soundanlage, deren Bässe sich bis tief in die Eingeweide walzten und eine Bombast-Lasershow, die alles bis dahin gesehene in den Schatten stellte. Zwei Bars und ein angeschlossenes Restaurant rundeten das totale multimediale Erlebnis ab. Man kann ohne Übertreibung behaupten, dass die „Hall“ einen nicht unerheblichen Anteil an der Entwicklung und der erfolgreichen Verbreitung der elektronischen Musik in Deutschland, allen voran den unzähligen Facetten der Techno-Bewegung, hatte. Weithin bekannte Namen wie DJ Dag, Thorsten Fenslau (leider 1993 tödlich verunglückt), Mark Spoon († 2008) und Michael Münzing und natürlich Sven Väth sind untrennbar mit dieser Institution verbunden |
| Eintrittskarte vom 19.12.1986 |
Darüber hinaus gab es hier im Laufe der Jahre auch jede Menge Live-Acts aus allen Spektren der Musik. Von Snap!, Propaganda, Nina Hagen über M People bis zu A-ha, Philip Boa und den Ärzten. Sogar eine Filmpremiere habe ich 1986 hier erlebt: ‚Absolut Beginners’, ein mäßiges Musical mit David Bowie und der damals noch unbekannten Patsy Kensit. Ich kann mich noch erinnern, wie mir an diesem Abend ein langes Elend die Sicht auf die Leinwand versperrte. Später stellte sich heraus, dass ich hinter dem ‚Albatros’ Michael Groß stand.
|
1994 war Schluß mit der Herrlichkeit. Sämtliche alten Industriegebäude und somit auch die Music Hall fielen der Entwicklung der neuen City West, einem Wohnungsbau- und Büroprojekt zum Opfer. An den alten westlichen Teil der Voltastraße erinnert heute nichts mehr. Selbst einstmalige feste Orientierungspunkte im Westen Frankfurts wurden umbenannt: Das Opel-Rondell heißt jetzt Katharinenkreisel. |
![]() |
| Der heutige Pocket Park Mitte auf der Höhe Voltastraße 76-78, dem ehemaligen Gelände der Music-Hall |
Bilder von damals sind rar, denn es war lange vor dem Siegeszug der Digitalkameras, aber es gibt sie: http://www.music-hall.info/
Auch andere ‚Veteranen’ haben sich Gedanken gemacht und ihre Erinnerungen akribisch in einem Blog nieder geschrieben.
Und natürlich nicht zu vergessen der Sound of Frankfurt, erstklassig zusammengestellt in diesem Audio-Stream ... besser geht’s nicht!
2: Bei Ajsa (Westend, Reuterweg 55)
Geselligkeit im Nebel
„Balkanspezialitäten“ – bei diesem Begriff wußte früher jeder, was er erwarten konnte: Einen Berg Pommes, einen Hügel Djuvecreis, gehackte rohe Zwiebeln und all das gekrönt von mehreren Lagen Fleisch unterschiedlichster Herkunft (vom Rind, vom Schwein, vom lustigen Bosniaken) und Konsistenz (Cevapcici, Pleskavica, am Stück). Oben drauf steckte dann meist noch das geplatzte Würstchen am Holzspieß.
Ajsa kam aus Bosnien und ihre Kneipe füllte im sonst elitären Westend und nur einen Steinwurf von der Alten Oper entfernt eine echte Marktlücke. Hier saßen gegen Mangelerscheinungen resistente, d. h. von elementaren Lebensgrundlagen wie Sauerstoff, Sonnenlicht und Vitaminen entwöhnte Zecher noch stoisch vor ihrem Pils am Tresen, warfen ihre letzten Geldstücke in merkwürdige Daddelautomaten und widmeten sich darüber hinaus dem Langzeitprojekt ‚Lungenkrebs mit Sprechautomat’ ... In der Tat waren die Ecken des kleinen quadratischen Raumes im dichten Dunstschleier nur noch zu erahnen und es stellt sich die Frage, was die frisch geduschten Anhänger des gepflegten Volleyballs dazu bewogen hatte, über Jahre hinweg all die stattlichen Erfolge der Leibesertüchtigung in dieser Räuberhöhle gleich wieder zu Nichte zu machen. An der Langzeituniversaldekoration aus Luftschlangen, Girlanden und bunten Lichterketten – passend für Weihnachten, Silvester, Karneval und die Geburtstage aller Stammgäste zusammen – lag es sicher nicht.
Wahrscheinlich kamen sie aus dem gleichen Grund wie so mancher geschockte Messe- oder Opernbesucher, nämlich aus Versehen oder mangels Alternative in dieser Gegend. Und sie blieben wegen des grundehrlichen Drumherums und der Herzlichkeit der Wirtin, denn Ajsa hatte eigentlich jeden lieb, besonders jung gebliebene schneidige Freizeitvolleyballer („Meine Kinder! Meine gelbe Vogel!“). Außerdem trug sie ihren ganzen Schmuck und ihr gesamtes Make-up stets bei bzw. auf sich.
Selbst zu später Stunde, wenn das Küchenpersonal längst gegangen war, musste niemand hungern, denn belegte Brote und eingeleschtes Zeusch war immer verfügbar. Gegen Mitternacht folgte stets die obligatorische Runde ‚Slivo’, welcher bis ins Frühjahr hinein ausschließlich in erhitzter Form serviert wurde. Genauer gesagt sprechen wir von Julischka, dem fiesen Gemisch aus Slivovitz und Kruskovac. Warmes Bier, kalter Rauch, heißer Pflaumenbrand plus Birnenlikör – die Folgen kann sich jeder selbst ausmahlen ... Als wir unseren Teampokal auf einem der Hochregale platziert hatten, war klar, dass wir hier eine Weile bleiben würden.
Eines Tages konnte die gute Ajsa aufgrund von Wiederaufbaumaßnahmen in ihrer geschundenen Heimat nicht mehr vor Ort sein, der Service ließ deutlich nach, die Küche war mehr zu als auf, es wurde viel im Türrahmen krakeelt und am Tresen fielen des öfteren Gestalten rückwärts vom Hocker – vermutlich ist das unvermeidbar, wenn man ehemalige Stammgäste zu Wirten ernennt. Irgendwann, wir waren die Unfähigkeit des Zapfpersonals leid und hatten längst eine neue Bleibe gefunden, hieß der Laden dann ‚Bei Biljana’ und wurde eines der ersten Opfer des allgemeinen Rauchverbots in Gaststätten. Danach war der Rolladen unten.
Neulich kam ich mal wieder an dem nüchternen Gebäude mit dem trostlosen Ladenlokal vorbei und siehe da: Es tat sich was. Irgendwer hatte damit begonnen, die finsteren Butzenscheiben durch eine Klarverglasung zu ersetzen und innen wurde auch renoviert. Nur eine Woche später hatte hier ein nagelneuer Döner-Grillimbiss eröffnet.
1: Larry’s Inn – Jack Swing (Sachsenhausen, Klappergass’)
„Burn Motherf....., burn!“
![]() |
Eine der düstersten Kellerspelunken mitten auf der Klappergass’, also quasi im Zentrum der Ebbelwoikultur, hatte es in sich: Vorwiegend schwarze GIs und weiße Frolleins frönten hier dem Hip Hop und R&B, während Inhaber Larry, einst selbst als Soldat nach Germany gekommen, für sie Bier zapfte und seine Frau Bruni draußen vor dem Vorhang saß, Tickets und Stempel verteilte. Mittwochs und Sonntags gab’s sogar stündlich Freirunden, um den Laden an solchen Tagen einigermaßen zu beleben. Brechend voll war es allerdings zu den Stoßzeiten am Wochenende und so manche der berüchtigten Massenschlägereien in Alt-Sachsenhausen zwischen weißen Amis aus den benachbarten Hardrock-Kneipen, türkischen Gangs und eben den schwarzen Boys nahm hier ihren Anfang, ihr Ende oder machte zumindest Zwischenstation, bis irgendwann die martialische MP auftauchte und alle Armeeangehörigen einsammelte, die nicht rechtzeitig das Weite suchten. Ich erinnere mich an eine Rauchbombe, wüste Verfolgungsjagden mit blutigen Nasen oben auf der Gasse und diverse Polizeirazzien wegen Drogenbesitz und Minderjährigen unter den Gästen. |
| Larry's out ... |
Allerdings: Der kleine, schäbige Club mit seinen Sitzecken und Neonutensilien an der Wand hatte Charme, trotz seiner herunter gekommenen Einrichtung. Die Atmosphäre war stets familiär, jeder kannte jeden oder zumindest irgendeinen und manche DJ-Karriere in Frankfurt nahm hier ihren Anfang (Roey Marquis II.). Immer wieder amüsant auch die hemmungslose Anmache der Amis, wenn mal der männliche Part eines deutschen Paares ein dringendes Bedürfnis zu erledigen hatte: „Yo, boy is inside ...“ „Girl is outside, hehe!“ So und ähnlich wurde draußen die weitere abendliche Strategie abgestimmt, während man in den menschenunwürdigen sanitären Anlagen damit beschäftigt war, Wand- und Bodenkontakt zu vermeiden. „I’m waiting for my boyfriend ...“ funktionierte in diesem Fall als Standardabfuhr überhaupt nicht, denn umgehend kam der Nachschlag: „I’m better!“
Nach dem Fall des eisernen Vorhangs und dem weitgehenden Abzug der Amerikaner aus dem Rhein-Main-Gebiet blieb ein Großteil der Klientel aus und bei Larry gingen relativ schnell die Lichter aus. Heute zeugt nur noch eine weiße, verrammelte Holztür von einstmals pulsierendem Nachtleben.